Coronapfad / Corona Path

30. März bis 21. Juni 2020 (und darüber hinaus) / March 30th until June 21st 2020 (and beyond)

Spaziergang, täglich, zur Wiese an der Autobahn, diese queren, dann zurücklaufen, ein etwa einstündiger Rundweg. In einem kleinen Stück Brachland zwischen Autobahn, Gehölz, Acker und Wiese aus Feldsteinen einen Steinhaufen aufgesetzt, am 2. April 2020. Dieser bildet den einen Anfangs- oder Endpunkt, je nach Gangrichtung, eines Pfads über die Wiese, den ich im Laufe der Zeit mit meinen Schritten ausformen möchte. Vom Steinhaufen aus zu einem deutlich über die sonstige Grasnarbe hinausreichenden einzelnen Grashorst in 178 Schritt Entfernung, von dort aus abknickend nach Nordwest weitere 75 Schritt bis zum großen zweistämmigen Weißdorn, der hinter der Wiese und dem daran angrenzenden befestigten Feldweg steht und den zweiten Ziel- oder Anfangspunkt bildet. Jeden Tag einen neuen Stein zum Steinhaufen dazufügen. Am Ostersonntag (12.04.2020) zudem noch einen Feldahornsämling aus den Kostheimer Rheinauen in Verlängerung des Pfads hinter den Steinhaufen ausgepflanzt. Bei der Wiese handelt es sich um eine nährstoffreiche, artenarme Fettwiese - niemals würde ich einen solchen Pfad auf einer artenreichen Wiese mit seltenen oder gefährdeten Arten austreten.

Warum Corona? Zum Einen ganz banal weil der Pfad zur Zeit der Corona-Pandemie entsteht. Zudem weil durch Corona der Bewegungsradius einschränkt ist, man auf seine Wohnung und das direkte Umfeld beschränkt bleibt und neue Tagesabläufe entstehen, neue Routinen. Ein Gehen im Kreis. Wodurch aber auch neue Wege abseits der bereits vorhandenen entstehen können. Und ja, natürlich ist dieser Pfad stark beeinflusst von der Arbeit von Richard Long (insbesondere natürlich von "A line made by walking") und vom Pfad, den Paweł Althamer anlässlich der Skulptur Projekte 2007 in Münster ausgetreten hat. Beides Künstler, die ich sehr schätze und denen ich hiermit auch eine Referenz erweisen möchte.

A daily walk to the meadow beside the highway, crossing the meadow, walking back home - about an hour's walk. Build a cairn on April 2nd of field stones in a small piece of fallow between the highway, a coppice, arable and the meadow. This Cairn is one starting point (or end, depending on the direction of the walk) of a path across the meadow that I want to shape with my feet in the course of time. From the cairn 178 steps to a single tuft of grass that grows strikingly higher than the the rest of the meadow, then a turn northwest and further 78 steps to a large two-stemmed hawthorn that grows behind the meadow and the adjacent country lane and that defines the second end or starting point. Adding every day a new stone to the cairn. Planted a field maple seedling from the Kostheim Rhine floodplain on Easter Sunday behind the cairn in the line of the path. It's a nutrient rich and species poor meadow - I'd never walk a path on a species rich meadow with rare or endangered species.

Why Corona? On one hand trivially because this path comes into existence during the corona-pandemic. Furthermore, because corona limits our moving space, confines us to our homes and the direct surroundings. Thus new daily routines develop. Walking in circles. By what new ways might be formed apart from the already existing ones. And yes, obviously, this work is strongly influenced by the work of Richard Long (especially his "A line made by walking", of course) and the path left in Münster by Paweł Althamer on the occasion of the Skulptur Projekte 2007. Both being artists I deeply appreciate and to whom I want to pay my respects herewith.

 

 

Zwischenspiel / Interlude

 

Sonntag, 10. Mai 2020: Der 42. Tag des Coronapfads - da ich ihn auf 12 x 7, also 84 Tage angelegt habe, ist nun die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt. (12 und 7 wie mein Geburtstag - und auch ansonsten haben diese zwei Zahlen im Hinblick auf Zahlensymbolik ja einiges zu bieten.) Das Gras steht teilweise schon hüfthoch, ich rechne damit, dass die Wiese bald gemäht wird. Ob ich dann nach der Mahd meinen Pfad wieder finde?

Die erste heiße Phase der Corona-Pandemie scheint vorüber zu sein, die Ausgangsbeschränkungen sind und werden weiter gelockert. So langsam kommt hinter den eine Zeitlang alles andere überdeckenden Corona-Nachrichten wieder die Erkenntnis hervor, dass keines der wirklich großen menschengemachten Probleme dieser Erde - Klimawandel, der dramatische Verlust an biologischer Vielfalt, die Ausbeutung und Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen - auch nur ansatzweise einer Lösung näher geführt worden wäre.

Sunday, May 10th 2020: The 42nd day of Corona-Path - as I conceived it for 12 x 7, hence 84 days, half of the distance is covered. (12 and 7 as my birthday - and don't these two numbers have a lot to offer in regard to numerology?). The grass grows already waist-high, I reckon the meadow will be cut soon. Will I find my path again, after the mowing?

The first climax of the coronavirus pandemic seems to be over, the restictions of the lockdowns are loosened more and more. Slowly the consciousness returns that none of the really big manmade problems of the earth - climatic change, the dramatic loss of biological diversity, the depletion and destruction of our natural ressources - is the least nearer to being solved.

 

Weitergehen / Walking further 

 

Zweites Zwischenspiel / Second interlude

 

Pfingstmontag, 1. Juni 2020: Der 64. Tag des Coronapfads - nun bleiben noch 20 Tage bis zum Ende des Coronapfad-Projekts und bis zum Anfang des Sommers.

Whitmonday, June 1st 2020: The 64th day of Corona-Path - still 20 days to go until the end of the project and the beginning of summer.

 

Weitergehen / Walking further 

 

Sommer / Summer

 

Sonntag, 21. Juni 2020: Sommer - nun auch offiziell. Nach 12 x 7 Tagen des täglichen Gangs zum Coronapfad ist es nun Zeit für den Abschied von diesem Weg. Mein Coronapfad-Projekt ist damit beendet (selbst wenn ich sicherlich ab und an den Pfad wieder gehen werde) - mit Corona aber werden wir weiterhin rechnen und leben müssen, auch wenn nun die Ausgangbeschränkungen weitgehend gelockert und Reisen (zumindest innerhalb der EU) wieder möglich sind und auch die Schulen wohl spätestens nach den Sommerferien wieder öffnen. Hat sich die Welt verändert durch Corona? Das wird man sicherlich erst im Nachhinein, nach ein paar Jahren beurteilen können. Genauso wie mein Pfad wieder verwachsen wird, wird auch die Corona-Erfahrung verblassen, überlagert werden von anderem - der Lauf der Dinge geht weiter und ich befürchte, dass der Lauf von nun bald 8 Milliarden Menschen diesem Planeten nicht gut tun wird. 

Sunday, June 21st 2020: Summer - now formally, too. After 12 x 7 days of daily walks to the corona path it is time to say good-bye. My Corona Path Project is therefore over (even if I will walk this path again, from time to time) - but with corona we will still have to reckon and live, even though the confinement is largely loosened, traveling is possible again (at least in the EU) and schools will probably open again after the summer holidays at the latest. Has the world changed through corona? That surely can be judged only in the retrospect, after some years. Just as my path will regrow with time if I don't walk it regularly the experience of corona will fade, will be superimposed by others - the course of the things will go on and I fear that the course of now nearly 8 billion people will do no good to this planet.

 

 

Und darüber hinaus... / And beyond...

Ab und an den Pfad wieder gehen, schauen, wie die Landschaft sich im Lauf der Zeit verändert / Walking the path from time to time, observing how the landscape changes with time

 

 

Herbst / Autumn

 

Montag, 22. September 2020: Herbstanfang
Anthropozän: Auf unserer Welt, der Erde, ist mittlerweile der Mensch zum bestimmenden Faktor geworden. Wie geht es weiter? Zwei Möglichkeiten, wie man dieses Foto sehen kann: Die Natur bricht das Menschenwerk, die Asphaltdecke des Weges auf und überwuchert, verschlingt die menschengemachten Dinge wieder. Oder: Das nur zeitweilig geduldete Aufkommen einer kleinen Wildnis wird bei nächster Gelegenheit beseitigt, der Weg "ausgebessert", "repariert".

Monday, September 22nd 2020: Beginning of autumn
Anthropocene: On our world, the earth, man has become the dominant driver. Where will this lead to? Two different ways to look at this photo: Nature breaks through man's creation, breaks and overgrows the tarmac, swallows the manmade things again. Or: the only temporarily tolerated emergence of a small wilderness will be removed at next occasion, the road will be "mended", "repaired".

 

Weitergehen / Walking further 

22. Oktober 2020:
Die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen so hoch wie bisher noch nie, fast alle Städte und Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet sind Corona-Hotspots. Die Tage werden kürzer und kälter, was nicht wirklich dazu beiträgt, die Stimmung zu heben. Ein schwieriger Winter steht uns bevor. Weitergehen, die Spur, die Corona hinterlässt, wird immer tiefer. Ein Trost - irgendwann, wenn die Pandemie endlich vorüber ist und ich diesen Pfad nicht mehr gehe, wird auch das Gras wieder wachsen und der Riss, den der Pfad nun in der Wiese zieht, wird zuwachsen und wieder zur Wiese werden.

October, 22nd 2020:
Today, there are more new Covid-19-infections than ever before, nearly all cities and municipalities in the Rhine-Main metropolitan region are high risk areas in regard to Sars-Covid-19. The days are getting shorter and colder what doesn't really help to raise the spirits. Walking further, the trace that Corona leaves is getting deeper. A consolation - sometime, when the pandemic is over and I don't walk this path any more, the grass will grow again and close the crack the path has opened in the meadow.